Am 12. September 1957 in Frankfurt am Main geboren, begann Hans Florian Zimmer recht früh mit seinem Interesse für Musik. Schon als Dreijähriger konnte er Klavier spielen, sehr zum Ärgernis der Nachbarn im Münchner Apartmenthaus seiner Eltern. Im Alter von sechs Jahren stirbt sein Vater, ein Schicksalsschlag, mit der er sich intensiv erst in der ersten Hälfte der 90er-Jahre auseinandersetzt bei seiner Arbeit an »The Lion King« (»Der König der Löwen«).
»Ich hab das für meinen Vater geschrieben ... oder für mich, für meine Traurigkeit über meinen Vater.«
Eine reguläre Musikausbildung hat er nicht, das Notenlesen bringt er sich selbst bei. In der Schule ist er wenig erfolgreich. Er träumt lieber vor sich hin als sich dem starren Unterricht zu widmen, was letztendlich dazu führt, dass er aus acht Schulen fliegt und ein Lehrer ihn sogar als Fall für den Psychiater tituliert.
»Es ist sehr schwierig, als Kind dem Lehrer zu sagen: ›Warten Sie nur, später werden mich die Leute dafür bezahlen, dass ich hier sitze und vor mich hinträume.‹«
Später findet seine Mutter für ihn eine Stelle in einer Fabrik, doch das geregelte Leben weckt nicht seine Begeisterung. Es ist Ennio Morricone mit seinem »C'era Una Volta Il West« (»Spiel mir das Lied vom Tod«/»Once Upon A Time In The West«, 1969), was Hans Zimmer erkennen lässt, wofür er lebt. Von diesem Moment an, als er diese Musik das erste Mal hört, weiß er, was er mit seinem Leben machen will.
»Der ist das Genie der Filmmusik.«
Doch ehe er sich endgültig der Filmmusik verschreibt, gründet er mit Trevor Horn und Geoff Downes (beide Ex-Mitglieder der Band Yes) die Band »The Buggles«, die mit ihrem Album »The Age of Plastic« und dem Smash-Hit »Video killed the Radio Star« (einem Song, den zuerst kein Produzent vermarkten wollte) 1979 einen weltweiten Erfolg erreichen. (Der Video-Clip zum Song war 1981 der erste ausgestrahlte Clip auf MTV.) Zimmer ist dort Keyboarder und gilt allgemein auch als Pionier der Integration von Synthesizer, musikorientierter Computertechnologie und elektronischer Keyboards in traditionelles, klassisches Orchester für Film und Fernsehen. Seine erste filmmusikalische Komposition ist 1982 »Moonlighting« (»Schwarzarbeit«). Er vertont verschiedene Kunstfilme und dabei gebiert sich der sehnliche Wunsch, in Hollywood Actionfilme zu machen. In Europa arbeitet er zu dieser Zeit vorwiegend in England und Italien.
»Und alles was ich wollte, war, nach Hollywood zu gehen, Actionfilme zu schreiben und wie John Williams zu klingen.«
Als Regisseur Barry Levinson auf der Suche nach einem Komponisten für seinen 1988 erschienen Film »Rain Man« seiner Frau Helen Zimmers Musik von »A World Apart« (»Zwei Welten«) vorspielt, hat dieser den Job sozusagen schon in der Tasche (die Macht der Frauen eben ...). Dies war seine erste amerikanische Arbeit, mit welcher er den Geschmack der Zeit trifft und sogleich eine Oscar-Nominierung erringt; seither dabei ist und hat unzählige erfolgreiche Filme vertont.

In Ridley Scotts »Black Rain« bekommt er endlich seinen ersten Actionfilm. Auch wenn er sich bei der Arbeit daran ständig mit dem Produzenten in der Wolle hat, weil dieser nichts mochte, was er komponierte, registrierte zumindest Hauptdarsteller Michael Douglas den Wert seiner Arbeit, wie dieser ihm in einer Nach-Oscar-Party kenntlich macht.
Seine Actionmusik war revolutionär und er entwickelt diesen Stil im Laufe der Jahre immer weiter, der prägenden Einfluss auf ein Gros von anderen Komponisten bewirkt. Doch er blieb nicht nur beim Action-Genre, auch wenn er auffällig viele solcher Filme auf der Liste seiner Filmographie aufzuweisen hat. In Filmen wie »Driving Miss Daisy« (»Miss Daisy und ihr Chauffeur«), für den er eine Grammy-Nominierung erhält, »The Preacher's Wife« (»Rendezvous mit einem Engel«), »Thelma & Louise« oder »Green Card« (»Green Card - Scheinehe mit Hindernissen«) sowie »Nine Months« und »As Good As It Gets« (»Besser geht's nicht«) beweist er sein Talent für gefühlvolle und filmprägende Musik. Ebenso ist er stets zu musikalischen Experimenten bereit, wie sich zum Beispiel in »Beyond Rangoon« zeigt, wo er neben Flöten, Vokalstimmen und archaischen Trommeln mit dem dezenten Einsatz des Synthesizers einmalige Klänge erzeugt.
Im Allgemeinen behält er die Kombination der beiden Elemente (Synthi und Orchester) bei, verwendet allerdings bevorzugt Orchester für emotionale Filme und elektronische Elemente für Actionfilme. Das rührt daher, dass er immer von einem persönlichen Standpunkt aus schreibt, aus einem bestimmten Blickwinkel, der sich aus seinem Verhältnis zu dem Stoff und der Handlung ergibt. Und ein Film wie »Nine Months«, der sich mit Dingen beschäftigt, wie Kindern, Erfahrungen, die beinahe jeder kennt, die kann ein Orchester mit realen Spielern viel besser widerspiegeln als ein Synthesizer.
»Allerdings ist ein Actionfilm so lächerlich, dass man gut und gern den emotionalen Standpunkt des Komponisten übernehmen kann.«
1991 vertont er den Film »K2« (»K2 - Das letzte Abenteuer«), doch seine Musik wird nur für die europäischen Versionen des Films verwendet und in Amerika spielt man eine andere.
1995 erhält Hans Zimmer nach vierjähriger Arbeit am Disney-Film »The Lion King« (»Der König der Löwen«) den Oscar. Insgesamt gehen bis heute sechs Nominierungen des Academy Award auf sein Konto und kann sich auch sonst vor Preisen kaum retten. Die Überreichung der begehrten Trophäe war wohl einer der höchsten Momente seines Lebens. Und seither hat sich wohl einiges geändert, ist doch zum Beispiel die Motivation zum Schreiben nun, wieder an jenem Platz zu stehen und den magischen Oscar in der Hand zu halten. Und außerdem fragen sich auch spätestens jetzt jene Nachbarn, die sich früher über sein Klavierspiel beschwerten, wann er denn endlich wiederkäme und sie mal wieder was Schönes zu hören hätten. Er spielt noch immer die gleichen Lieder.
»Man kommt ohne Schwierigkeiten in jedes Restaurant. [...] Meine Mutter wird jetzt als Frau Zimmer, Mutter des berühmten Komponisten vorgestellt. Ich find's lustig.«
1995 gewinnt er mit seinem (wie immer) auf den letzten Drücker entstandenen Soundtrack zu »Crimson Tide« (»Crimson Tide - In tiefster Gefahr«) seinen Wohl populärsten Fan: Steven Spielberg. Sein Actionstil erreicht an dieser Stelle schon die zukunftsweisende Prägung, mit der er John Woos »Broken Arrow« (»Operation: Broken Arrow«) zu einer der besten Filmmusiken aller Zeiten macht. Die Arbeit daran kam zustande, nachdem er »Muppet Treasure Island« (»Muppets - Die Schatzinsel«) vertont hat, damit seine kleine Tochter Zoe mal wieder in einen seiner Filme kann (was bei den meisten seiner Filme nicht möglich war). John Woo rief ihn an und sagte, dass seine Kinder, die natürlich totale »Lion King«-Fans waren, es ihm nie verzeihen könnten, wenn er ihn, Hans Zimmer, nicht für sein neuestes Projekt gewinnen könnte. Also war der Beginn ihrer Zusammenarbeit an »Broken Arrow«, dass Hans die »Lion King«-CDs von John Woos Kindern signierte und dafür einen Stapel handsignierter John-Woo-Videos bekam. Gut, dass DVDs zu der Zeit noch nicht in Mode waren, sonst wäre es für den armen John sicher teurer geworden ...
Jedenfalls holte sich Hans Zimmer einen der besten Gitarristen der Welt, Duane Eddy, mit welchem er mit einem gekonnten Schuss Komik einen Action-Score schrieb, den er selbst als »Techno-Western« bezeichnete, weil er hier endlich die Möglichkeit sah, seinem Vorbild Ennio Morricone nachzueifern, da der Film auch entfernt Westernmotive verwendet. John Woo und Hans Zimmer empfanden die Zusammenarbeit an diesem Film wohl als sehr angenehm und produktiv, was man bei der Genialität des Soundtracks auch beinahe zu hören vermag.
»Bob, mein anderer Gitarrist, hat rund 10.000 Dollar ausgegeben, um dieselbe Gitarre wie Duane zu kaufen. Doch er hat's einfach nicht hingekriegt. Der Typ macht's einfach aus. Wahrscheinlich sind's die Finger.«

1996 gelingt Hans Zimmer in Zusammenarbeit mit Nick Glennie-Smith und Harry Gregson-Williams ein Meisterwerk, was Filmmusikgeschichte schrieb und den Hans-Zimmer-Actionstil auf die Spitze seiner Perfektion trieb: »The Rock« (»The Rock - Fels der Entscheidung«). In nur vier Wochen mussten sie den Film retten, denn der eigentliche Komponist hatte es wohl nicht zur Zufriedenheit von Regisseur und Produzent gebracht. Und diese kurzfristige Arbeit (was wohlgemerkt bei weitem nicht seine kürzeste war, schrieb er doch für »White Fang« (»Wolfsblut«, 1991) achtzig Minuten Musik in nur sechzehn Tagen) brachte das ultimative Meisterwerk der Actionmusik zustande.
Eines seiner größten Werke ist auch die Musik zu Ridley Scotts »Gladiator«, welche er gemeinsam mit Lisa Gerrard (Dead Can Dance) und einem seiner Zöglinge, Klaus Badelt, komponierte. Hierbei gelingt ihm die geniale und kunstvolle Mischung aus krachenden Actionmusiken und ergreifender Emotionsmusik, wobei er sich nicht nur Lisas prägnante Stimme, sondern auch archaische Instrumente zu Nutzen macht, wie zum Beispiel den Duduk.
Die Chance, die man ihm mit »Black Rain« gab, möchte er auch anderen Komponisten geben, bevorzugt aus Europa (speziell Deutschland), wo man kaum Chancen als solcher hat, wenn man nicht die trockenen Wege des akademischen Studiums gegangen ist. Daher gründete er mit seinem langjährigen Freund Jay Rifkin »Media Ventures«, eine moderne Firma, in der Filmkomponisten zusammen arbeiten und sich auch gegenseitig aushelfen. Media Ventures ist das Modell einer modernen Meisterschule. Zöglinge, die sich mittlerweile einen Namen gemacht haben, sind zum Beispiel Mark Mancina (»Speed«, »Twister«, »Con Air«) und John Powell (»Face/Off«, »Chicken Run«, »Shrek«), ebenso wie der Frankfurter Klaus Badelt, der mit am »Gladiator« arbeitete.
Hauptsächlich arbeitet er in Hollywood, einmal im Jahr pflegt er allerdings (oftmals auch ehrenamtlich) in England einen Film mit Musik zu hinterlegen, weil es dort nicht so trocken ist wie in Amerika.
»Einmal im Jahr muss ich zum Beispiel nach England gehen und einen Film für kein Geld machen, weil's mich einfach interessiert. [...] Da bekommt man die neuen Ideen, und nicht, wenn man einen großen Hollywoodfilm nach dem anderen macht. Nach einiger Zeit wird das alles Mittelmaß.«
1993 komponiert er für die europäische Romanverfilmung »The House of the Spirits« (»Das Geisterhaus«) und 1998 nach »The Thin Red Line« (»Der schmale Grat«), einem sehr kräftezehrenden Film, tobt er sich an der RTL-Actionserie »Die Motorrad-Cops« aus. Dennoch sind seine deutschen Arbeiten rar, was an zweierlei Dingen liegt: Erstens hat ihm noch niemand einen guten deutschen Film angeboten und zweitens ist er auch ein bisschen verärgert über Deutschland und die Einstellung der Menschen dort.
»Als ich angefangen habe, hat mir keiner einen Job gegeben. In Deutschland denken alle, dass du nix kannst, nix gelernt hast und du musst beweisen, dass du was kannst.«
In England müsste man hingegen wohl erst beweisen, dass man ein Arschloch ist. Dort ist es genau anders herum und deshalb arbeitet er dort auch am liebsten.
»Weil man uns hier machen lässt und bei uns hat man uns nicht gelassen. Schon in der Schule hat das angefangen. Wir durften nicht, man durfte das nicht. [...] ›Sitz doch mal gerade, wie ist das denn mit den Manieren?‹ - Ich hab' keine Manieren, ich hab nie Manieren gehabt, ich krieg' keine und werd' auch keine kriegen!«
Was er ebenfalls in Europa, genauer gesagt im belgischen Gent abhielt, war die Premiere seines Lebens, etwas, vor dem er sich immer gesträubt hatte. Am 10. Oktober 2000 beglückte Hans mit über zweihundert Musikern mehrere tausend Fans mit einem Konzert der Extraklasse, auf dem er eine Auswahl seiner Musik spielte. Wenn ihn bisher immer das Lampenfieber von diesem Vorhaben abgehalten hatte, so war es diesmal der Kreis seiner vertrauten Musiker, mit deren seelischer und musikalischer Unterstützung er das Konzert in Angriff nahm, welches kein geringerer präsentierte als Morgan Freeman.
»Gestern Abend dachte ich mir: ›Was kann passieren? Ich werd' ein paar schlechte Noten spielen, aber ich hab' ungefähr zweihundert andere Musiker da, die die richtigen Noten spielen werden.‹«
Hans Zimmers Arbeitsstil ist bezeichnend. Da er selbst kein Auto fährt, bringt ihn zumeist ein Assistent früh ins Studio, wo er einen großen Kalender hat, auf dem er die immer schrumpfende Anzahl der Tage hat, die ihm noch für sein aktuelles Projekt bleiben. Doch zumeist arbeitet er auf dem letzten Drücker, ist nie zufrieden mit dem Komponierten und wechselt es ständig aus, probiert neu und verzweifelt wie ein kleines Kind, das eine Matheaufgabe lösen muss.
»Ich muss eine neue Sprache erfinden, ich muss neue Wörter erfinden, ich muss neue Wege erfinden, um irgendetwas zu beschreiben, was man nicht beschreiben kann.«
Allein für »The Lion King« entstanden so beispielsweise über vierzig Hauptthemen, die zwar alle nicht schlecht waren, aber nicht so in den Film passten, wie er es sich dachte. Denn irgendwann kommt dann der Knall und er hat die glänzende Idee, die er immer gesucht hatte. Und dann fängt der Stress erst richtig an ...
»Ich schrieb es im allerletzten Moment, die ganze Nacht hindurch, beendete es gerade noch rechtzeitig, um den Flug nach London zu kriegen und zu den Orchesteraufnahmen zu gelangen.«
Nur selten ist so das Schreiben wirklich Entspannung, auch wenn Hans Zimmer wiederum ohne die Musik nicht leben könnte. Bei »Mission: Impossible 2« zum Beispiel war es der reinste Jux und er dödelte mit seinen Lieblingsmusikern herum und sie arbeiteten mehr »just for fun« als richtig ernsthaft. Heraus kam ein sehr vielfältiger Score, der aber natürlich Zimmer selbst dahingehend enttäuschte, dass er nicht sein gewünschtes künstlerisches Niveau erlangte und immerhin will er ja immer das Bestmögliche schreiben. Daraus entsteht auch seine (beinahe krankhafte) Selbstkritik, die ihn praktisch stets an seinen Werken zweifeln lässt. Vermutlich sind sie deshalb auch so bestechend gut.
»Ich hab noch nie ein gutes Stück Musik geschrieben, was hab ich mit meinem Leben gemacht!«
So kommt es, dass es nur wenige Werke gibt, von denen er glaubt, dass es sich wirklich gelohnt hat. Zu diesen wenigen auserwählten zählen »Driving Miss Daisy«, Teile von »Crimson Tide«, »Black Rain«, »Drop Zone« und »Gladiator«. Das beste Stück, was er seiner Empfindung nach je geschrieben hat, ist für einen englischen BBC-Film mit dem Titel »Two Deaths«.
»Ich schreib' nicht nur Musik, weil's mein Beruf ist, ich schreib' Musik, weil ich Musik schreiben muss.«
Und so ist Hans Zimmer heute einer der erfolgreichsten und begehrtesten Komponisten der Welt. Beinahe hundert Filme hat er geprägt, als Komponist, Musikproduzent oder Sound-Adviser. Er fand seine Berufung und ist erfolgreich wie nur wenig andere, ist verheiratet mit Suzanne Zimmer, die wohl den eher bodenständigeren Part in ihrer Ehe spielt, und hat zwei Kinder. Und vor allem eins hat er sich erhalten: Seine Träumerei, die es ihm immer wieder ermöglicht, Unmögliches zu schaffen, Klänge und Melodien zu finden, welche zeitlos die Menschen beeindrucken und von denen wir hoffentlich noch sehr sehr lange Zeit viele neue hören können.
»Ich liebe diese Arbeit und habe nur dieses eine Leben, um sie auszuüben. Also sollte ich sie gut machen.«